Ich will wissen, wer ich bin

„Auch das noch», stöhnten viele LehrerInnen, als die Sexualerziehung nach Zähneputzen, Schulpolizist, Medien-, Sozial-,  und weissichnochwasalles-Erziehung aufs Tapet kam. Vorher war das Thema allerdings verboten gewesen.


Dem Trend der 68-er Ideen folgend, bauten manche Lehrpersonen auf eigene Faust Sexualerziehung in ihren Unterricht ein, mit der Folge, dass es Skandale und sogar Entlassungen gab. Diesem «Wildwuchs» (Originalton) wollten die Behörden etwas entgegensetzen, und so wurde Ende der Siebzigerjahre eine Projektgruppe damit betraut, ein Lehrmittel für die Einführung der Sexualerziehung im Kanton Zürich zu entwickeln.

Der Ordner

Der Ordner

Ich selber hatte mit meinen Primarklassen überaus positive Erfahrungen gemacht und fand es sehr wichtig, dass eine solide Grundlage für diesen Unterricht geschaffen wurde. Da ich schon beim Verfassen von einem Lehrmittel über die Indianer Nordamerikas mitgewirkt hatte, meldete ich mich zur Mitarbeit.

Im damaligen Klima musste äusserst behutsam vorgegangen werden, da sonst kirchliche Kreise oder der Verein besorgter Eltern Amok laufen würden, und so wurde ein erster Teil entwickelt mit dem Thema: «Wer bin ich». (Alles «Heikle» wie Geschlechtsverkehr oder Homosexualität wurde für einen 2. Teil geplant, der dann aber von unserer Gruppe nie fertiggestellt wurde.)

Damals gab es noch das Fach «Lebenskunde». Dieses wurde geschickt als Zeitfenster für das Behandeln des Themas eingesetzt. Vor allem aber sollte Sexualerziehung auch im Spontan-Unterricht zum Zuge kommen, das heisst, dass die Lehrperson auf Vorfälle im Schulalltag oder Fragen der Kinder spontan reagieren durfte, mit der Möglichkeit, dies später gezielt zu vertiefen.
Es zeigte sich, dass das Wichtigste überhaupt das «Darübersprechen» ist. Und das vielleicht Schwierigste auch. Aus diesem Grund wurden Unterrichtsbausteine geschaffen, um als Basis einen gemeinsamen Sprachgebrauch zu erarbeiten. Zum Beispiel folgt man dem Weg eines Apfelstücks vom Mund bis zum After. Das gibt viel Gekicher, wenn die Wörter dafür gesammelt werden, und ist prima, denn beim gemeinsamen Lachen werden viele Hemmschwellen abgebaut. Oder man lässt die Kinder alle Schimpfwörter, die sie kennen an die Tafel schreiben. Die meisten haben mit Genitalien oder Fäkalien zu tun. Die Frage stellt sich: Warum ist das so?

(Später werde ich im Theaterstück: Männchen& Weibchen noch ausführlicher darauf eingehen.)

Inhalt_Wer_ich_bin

Leider musste im Laufe der Zeit die Idee, dass Sexualerziehung vom Kindergarten bis zur Oberstufe spontan und lebendig im Unterricht Platz haben soll, einem anderen Konzept weichen: Das Thema wird heute auf Ende der Mittelstufe terminiert und häufig von Aussenpersonen der Klasse vermittelt. Das ist sehr schade, denn bei den Erst- bis Drittklässlern brodelt es oft unterschwellig und verursacht viel Unruhe. Nimmt man die Fragen der SchülerInnen jedoch ernst, wird ein Vertrauensklima geschaffen, in welchem viel entspannter über Verschiedenstes geredet werden kann und somit der Unterricht allgemein konzentrierter wird.

Der damalige Leitsatz: «Sexualerziehung als Chance» gilt deshalb auch heute noch. Und aus diesem Grund erarbeite ich als aktuelles Projekt das Lesetheater «sexy, schwul & Co.».


Autoren: Christine Borer, Dorothea Meili, Esther Naef, Marcella Barth
Projektleitung: Dr. Jacques Vontobel
Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, 1987